Mein persönlicher Endzeitfilm

Mein Film, d.h. mein persönlicher Endzeitfilm – wo fing der eigentlich an, und wann?

Am letzten Samstag, an dem sich die Ereignisse zu überschlugen begannen, war ich mit meiner Schwester für eine Stippvisite in Braunschweig, bei meinem Vater. Weil die Berliner Supermärkte schon halbleer gekauft waren, haben wir die Gelegenheit genutzt; wir mit dem Auto bei einem Braunschweiger Aldi vorbeigefahren. Und siehe da: außer Klopapier und Nudeln gab es dort noch alles. Wir haben eingekauft. Alles schien extrem entspannt, fast friedlich. Meine Schwester meinte in Niedersachsen sind sie Corona-Mäßig etwas hinter her. Ich fühlte mich, als wären wir für einen Moment aus einem bedrohlichen Szenario ausgestiegen. Und plötzlich hatte ich ein Flashback: Woher kannte ich die Situation? The Walking Dead. Die Protagonisten versuchen sich zurecht zu finden und stolpern völlig desorientiert durch eine Post-Apokalyptische Zombie-Welt. Wir erleben die Geschichte aus der Froschperspektive zusammen mit Protagonisten. Am Anfang versuchen sie noch an den „alten“ regeln zu orientieren. Dann werden sie von anderen Menschengruppen überrascht, die schon weiter sind, was die Adaption angeht. In diesem Moment, im Supermarkt kam ich mir vor wie einer dieser „Anderen“, der schon mehr wusste und schlimmeres erlebt hat und auf eine unschuldige und deshalb wehrlose Bevölkerung trifft, und deshalb die Situation vor Ort schamlos ausnutzen kann.

Vor ein Paar Jahren war ich mit einem Freund und zwei seiner Geschwister bei einem Pearljam-Konzert in der Berliner Wuhlheide. Zeitgleich lief irgendein wichtiges WM-Spiel (USA? Deutschland?). Als das Konzert zu ende war, wollten alle Konzertbesucher gleichzeitig in die Tram. Wir haben versucht uns irgendwie zu orientieren und sind wie alle anderen planlos durch die Gegend geirrt („vielleicht laufen wir zur nächsten Station. Dann steigen wir vor den anderen ein…“ haha!). das ging so bereits über Stunde. Dann hielt ein Taxi, mitten im Gewirr. Zwei Typen waren Zeitgleich wie unsere 4er Gruppe an dem Fahrzeug. Die beiden hatten keine Lust zurück zu stecken. Also haben wir die jammernde Schwester und den Bruder meines Freundes zusammen mit den zwei andern Typen ins Taxi gesetzt, und sind zu zweit weiter umhergeirrt. Wir haben dann irgendwelche Straßenbahnen und S-Bahnen genommen. Am Ende waren wir erst gegen 3 Uhr nachts wieder bei mir Zuhause. Und ich war verunsichert, weil ich – in einer komplett harmlosen Situation – eine Ahnung davon bekommen habe, wie es sich anfühlt orientierungslos in einer orientierungslosen Masse zurechtzufinden, wie schnell es geht, dass unsere Ordnung ins Chaos übergeht. Ich muss hier Spontan an Michael Hanekes Wolfszeit denken. Keine Zombies. Aber viel Orientierungslosigkeit, Belemmung und Überlebenswillen.

Flashback. Ich bin etwa ca. vier Jahre alt. Zelturlaub in Griechenland. Ein staubiger Abhang. Meine Familie kehrt von einer Wanderung zurück. Doch wir haben Gegenwind. Starken Gegenwind! Ich sehe in das lachende Gesicht meiner älteren Schwester. Auch meine Eltern lachen (meine Jüngere Schwester ist noch ein Baby und wird von meinem Vater getragen). Ich lache auch. Dann kippt es ganz schnell. Ich kann mich nicht mehr aus eigener Kraft vorwärts bewegen. Ich bekomme Panik und fange an zu weinen. Ich fühle mich schwach und ausgeliefert. Die anderen Lachen noch. Wie wir zum Campingplatz gekommen sind erinnere ich nicht mehr. Nur noch, dass wir mit Empfangshaus des Campingplatzes mit andern Menschen ausgeharrt haben. der Orkan hatte mehrere Bäume ausgerissen. Damals gab es keine noch filmische Referenz für mein erleben.

Und wo bin ich jetzt? Die Ängste die zwischendurch Hochkommen sind alt. Viel älter als die Corona-Krise. Und vermutlich viel älter als ich selbst. Die Bilder, an die diese Ängste anknüpfen, speisen zum größten Teil aus Geschichten anderer. Sie vermischen sich mit eigenen Erlebnissen zumeist aus meiner Kindheit. Sie stammen aus Filmen, Dokumentationen, Serien, Büchern und anderen Erzählungen. Helfen sie mir, mich zurecht zu finden oder führen sie zu noch mehr Desorientierung? Ich kann mir aussuchen welche Figur ich in der Geschichte sein will: der panische Horter, oder der zum Verdrängen Neigende, der das letzte Schiff verpasst, oder…?