Erdbeer-Marmelade

Mittwoch, den 25.03.2020, 11 Uhr. Ich erweitere den Radius meiner üblichen Einschlaf-Spazierrunde mit Kinderwagen, in der Hoffnung, dass es im DM am Storkower Bogen noch Mülltüten für den Biomüll und Geschirrspüler-Tabs gibt. Ohne Mülltüten und Tabs verlasse ich den Laden wieder, doch immerhin: ich schleppe eine Packung Vollkorn-Spaghetti, 2 Liter Hafermilch und ein schlafendes Baby mit raus. Blick auf einem leeren Wochenmarkt, wo ein Verkäufer hunderte Erdbeerschachteln auspackt. Irgendwie tut er mir Leid, und irgendwie kriegt er das mit, denn er ruft mir zu: „6 Erdbeerschachteln für 5€“. Ich kaufe sie. „Erdbeermarmelade kochen“ gibt er mir noch als Tipp mit auf den Weg. Ich latsche nach Hause mit 3 Kilo Erdbeeren in einer Plastiktüte, die sich nicht unter dem Kinderwagen klemmen lässt.

Whats‘app Audionachricht an meinem Vater: Könntest du mir bitte dein Erdbeermarmelade-Rezept schicken?

Whats’app Nachricht von meinem Vater: Nimm ein Rezept aus dem Internet, benutze nur die Hälfte der angegeben Zuckermenge, fülle die Marmelade in heißen Gläser und lasse sie auf dem Kopf stehen bis sie kalt wird.

Donnerstag, den 26.03.2020, 11 Uhr. Das Kind schläft im Bett, ich muss nicht spazieren gehen, ich habe circa zwei Stunden für mich: euphorisierendes Freiheitsgefühl. Ich mache mir einen Tee und setze mich in dem Sessel. Ich lasse meinen Blick durch die Wohnung schweifen. Kleine Irritation, wenn er die 6 Erdbeerschachteln streift, die sich neben dem Kühlschrank stapeln. Ein Genauerer Blick in die transparenten Schachteln lässt erkennen – die Früchte sind noch nicht alle rot, doch zu einem guten Drittel schon schimmelig. Marmelade scheint wohl doch die einzige Option zu sein, und am besten jetzt gleich.
Auf Chefkoch.de finde ich ein Rezept ohne Gelierzucker. Gut. Dafür braucht man 2,7 Kilo Kristallzucker für 3 Kilo Erdbeeren. Ich entscheide mich die Sache etwas bescheidener anzugehen: 1,5 Kilo Erdbeeren, wobei ein Drittel davon schon schlecht geworden sind, also 1 Kilo Erdbeeren, macht 900gr Zucker, laut meinem Vater 450gr Zucker. Los geht’s. Zucker mit einer halben Tasse Wasser unter ständigem Rühren kochen bis es zähflüssig wird. Parallel dazu gebe ich zähflüssig im Online Wörterbuch an: visqueux. Aha. (Nostalgische Erinnerung an die Bilderwörterbücher meiner Kindheit). Nach den im Rezept angegebenen 5 Minuten zeigt sich noch keine Veränderung, nach 10 Minuten auch nicht, ich schmeiße die gewaschenen und halbierten Erdbeeren in den Topf und scrolle auf meinem Handy runter zu den Kommentaren:

Trotz Befolgen der genauen Angaben nicht geglückt. Konnte gerade so mit Gelatine Pulver und 2,5h Köcheln gerettet werden! Vitamine ade, Rezept zum ersten und letzten Mal versucht… 🙁

Oje.

Zucker und Wasser lange kochen. Die Erdbeeren vorsichtig i den Topf, dazu vom Herd ziehen. Rühren rühren rühren. .. nach nun ca. 1 h wird die Masse langsam fester. Man braucht eben Zeit und Geduld.

Ich denke kurz darüber nach, ob ich meine Großeltern um Rat fragen sollte. Aber ich traue mich nicht ihnen zu erzählen, dass ich im März Erdbeermarmelade aus halb verschimmelten griechischen Erdbeeren koche und stelle mich einfach auf 1 Stunde Rühren ein.

Donnerstag, den 26.03.2020, 14 Uhr. Tolles Foto von meinem zwei Gläschen Marmelade, mit den bunten Hipp Gemüsebreideckeln in die Familie Whats’app Gruppe geschickt. Ernte gleich einen fröhlichen Emoji von meinem Vater. Kostprobe. Große Enttäuschung. Die Erdbeermarmelade schmeckt extrem süß und ist so zähflüssig, dass sie sich kaum aufs Brot streichen lässt. Ich teile meinen Frust unmittelbar mit der Familien What’s App Gruppe. Mein Vater ist immer da, um uns Mut zu machen: Du hast sie zu lange gekocht, nächstes Mal wird es besser.
Jetzt bin ich total genervt. Ein zweites Mal wird es bestimmt nicht geben. Mich interessiert Marmelade kochen eigentlich auch überhaupt nicht und ich habe sowieso gar keine Zeit dafür. Wir essen eh so gut wie nie Marmelade und haben noch zehn Gläschen im Schrank. Warum habe ich bloß Erdbeermarmelade gekocht? Hektisches googlen nach einem Linzertorten-Rezept, um die Marmelade zu verbrauchen. Sie wird eigentlich mit Himbeermarmelade gemacht, erfahre ich, aber was soll’s, die schmeckt eh nur nach Zucker. Das Rezept rechnet mit 40 Minuten Vorbereitungszeit und 40 Minuten Backzeit. Aber will ich überhaupt backen? Und für wen?

Freitag, den 27.03.2020, 9:30 Uhr. Siesta Time again, zu Hause. Ich kaufe nicht ein, ich koche nicht, ich backe nicht. Arbeiten tue ich auch nicht. Das Festival in Lausanne wurde abgesagt, die Kommunikation mit den Theatern läuft schleppend, meinen Kollegen in Paris erreiche ich kaum noch und keiner weiß, wann, noch wie es weitergehen soll. Es ist vielleicht auch egal, das Theater gehört anscheinend nicht zu den systemrelevanten Institutionen. Warum mach ich Theater? Und für wen? Blick auf das Babyphone. Stille. Ich schließe meine Augen und sehe die Geflüchteten in der griechischen Lagern und die Frauen, die einem gewalttätigen Partner nicht mehr entkommen können, und ein Gefühl von Ohnmacht überkommt mich. Jetzt umso stärker, da ich nicht mehr wirklich arbeiten darf, nicht mehr wirklich rausgehen kann, nicht mehr wirklich agieren kann. Theater ist der Gegensatz zur Selbstisolation. Darum mache ich das. Ein kollektives Ereignis, mit Menschen entwickelt für Menschen, auf engstem Raum, Körper, Atem, Schweiß, Leben, Schreien, Handeln.
Marmelade war gestern, Morgen backe ich eine Erdbeertorte und heute schreibe ich einen Blogeintrag. Es ist ein Anfang.