Politisch versus poetisch. 1-0

Prolog

Nun ist es so, dass ich ein mini Drama in diesem riesigen Drama ausgelöst habe. Ich habe eine Applause Aktion aus den Balkonen vorgeschlagen. Was habe ich bloß getan.

Akte 1. Networking und Veröffentlichung

Zuerst war alles ok. Wir waren zu zweit, dann zu viert, dann zu acht. War exponenzial, wie der Trend gerade ist. Genau passend. So weit, so gut. Die Aktion habe ich auf Internet angekündigt. Ziemlich schnell kammen viele entmutigende, demütigende und agressive Kommentare : Mir wurde vorgeworfen, dass die Pflegekräfte viel mehr unsere Unterstützung benutzen können, indem wir Masken basteln, Geld geben und für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen würden, als unsere blöde Klatscherei aus den Balkone. Die nur die Aufmerksamkeit auf uns ziehen.

Ach sowas.

Ein Artikel kamm dazu in der Tageszeitung, wo eine Krankenschwester sagte, dass die deutsche Pflegekraft « scheißt auf unsere Applause ». Sofort auf Internet als Kommentar eingefügt von einer Nachbarin. 2 andere sagen « Danke » dazu.

Seit diesem Artikel, klatscht Niemanden mehr mit. Fenster und Münde zu. Töpfe sind ordentlich in der Küche geblieben, und ich schäme mich ein bisschen, alleine auf meinem Balkon mit meiner Familie.

Vor allem stelle ich mich viele Fragen. Lohnt es sich dann, weiter zu klatschen, wenn es tatsächlich als Beleidigung wahr genommen ist, von den Leute bei den ich mich bedanken möchte? Kann es sein, dass alle deutsche Leute diese einfache nette Einladung unverschämt finden? Und kann man nicht beides machen? Ich meine : Klatschen und Geld geben? Bezahlen und Danke sagen? Ist es nur typisch südeuropäisch, so eine Aktion anzufordern, ohne dass es sofort für ein zynisches, egoistisches und sinnloses Event wahrgenommen wurde?

Gestern habe ich noch einen Artikel in der Zeitung gelesen : einen Pflegedienst sagte, er kotzt auf unserer Klatscherei.

Das sind viele Darmentleerungen auf einem poetischen Gedanke.

Akte 2. kulturelle Verirrung

Also gut, lieber gebe ich auf, als irgendjemand der schon viel um die Ohren hat zu nerven. Das war ja nicht der Plan. Ich lasse es sein, und werde nun heimlich in meiner Wohnzimmer mit den Rest des südeuropäische Ländern klatschen.

Nicht zu laut, um die deutsche Nachbarschaft nicht zu schockieren. Nicht zu begeistert, um die wichtige berliner politische Slogans nicht abzudecken. Nicht zu wild, um das tapferes Schnurren der teutonische Nähmaschine nicht zu stören.

Ich frage mich : seit wann, gibt es diese Diktatur des alles politisches? Ist es sinnlos, nach Leichtigkeit und Solidarität in einer poetische Form zu suchen? Wie in Italia, Frankreich, Spanien… Natürlich war das ein Nichts, ein « trois fois rien » sogar. Ein bisschen Liebe aus den Balkone weggeworfen. Gibt es kein Platz für ein bisschen zusammen sein, einfach so, eine Minute lang?

Nun fühle ich mich hier fremd, und alleine wie noch nie in Berlin. Berlin ist, seit ich hier in 2006 umgezogen bin meine Heimat gewesen. Ein echtes Coup de foudre. Wie noch nirgendwo anders. Es gab natürlich Momente, wo ich mich auch fremd gefühlt habe, bin ich ja auch. Aber es war trotzdem meine Heimat.

Zurzeit frage ich mich, was ich hier bloß mache, und ob ich überhaupt hier gehöre. Wenn ich immer noch nicht kapieren kann, wie meine deutsche Nachbarn ticken…

Epilog

Jeden Tag wird es wieder 19 Uhr sein, oder auch nicht, wer weiß. Ich werde drinnen bleiben, und trotzdem ein bisschen die Ohren spitzen : klascht draußen doch jemand?