ich schaffe Raum in mir, um im Sturm zu existieren

Meditation

Stell dir vor, du bist ein Baum. Fühle, wie deine Wurzeln den Boden durchbohren, in den Erdmittelpunkt sinken und Kraft daraus schöpfen. Messe die Bodentemperatur, Zeh für Zeh. Grab dich durch die Zwischenräume, negiere die Bodenschichten, das Laminat, die Steine, das Beton; Lass die Schwingungen der Erde in dir zirkulieren und atme Kraft ein, atme Unsicherheit aus, atme Weite ein, atme Unbehagen aus, atme Liebe ein, atme Angst aus, atme Freude ein, atme Kontrolldrang aus, atme ein, atme aus, atme ein, atme aus. Im gleichen Tempo. 

Ich atme ein. 

Ich atme aus. 

Ich atme ein. 

Ich atme aus. 

ICH SCHAFFE RAUM IN MIR, UM IM STURM ZU EXISTIEREN.

Die Sonne durchflutet den Raum und streichelt mein Gesicht. Ich stehe alleine vor dem Fenster. Ich sehe den kahlen Baum, den Vogel am Geländer, den wolkenlosen Himmel. Mein Fokus verschwimmt. 

Jetzt sehe ich einen glänzend grünen Kirschbaum, eine Leiter aus Metall, die den Lichtschimmer widerspiegelt, eine vom Wind geschwollene Plastiktüte in der Hand meiner Großmutter und die braunen Plastikstiefel meines Großvaters, die zwischen den Zweigen des Baums sicher eingeklemmt sind. Gli uccelli non ci hanno lasciato nulla. Nichts. Die Vögel haben uns nichts hinterlassen, flüstert er, und streichelt dabei sanft den Stamm mit seiner Hand.

Stell dir vor, du bist ein Baum, der fest im Boden verankert ist und nicht fliehen kann. Stiller Komplize der Plünderung seiner eigenen Früchte. Stell dir vor, du bist ein Baum, vom Wind umweht, vom Regen gereinigt und vom Sturm erschüttert. Fühle den warmen, kraftvollen Saft, ganz langsam, aus den Tiefen der Erde bis zur Spitze deines kleinsten Blattes, vordringen, um es mit vitaler Biegsamkeit zu füllen. Atme Wärme ein, atme Einsamkeit aus, atme das Unendliche ein, atme Hilflosigkeit aus, atme Selbstvertrauen ein, atme Ungeduld aus, atme Mut ein, atme Wut aus. Atme ein, atme aus, im Rhythmus des Baumes. 

Ich atme ein.

Ich atme aus. 

Ich atme ein. 

Ich atme aus. 

Ich schließe mich dem Puls des Baumes an. Ich erweitere meine Wahrnehmung auf das Erdenherz, ich nehme das unterirdische Konzert der Schwingungen in mir auf, ich öffne mich dieser Sprache, ich existiere als winziger Teil des Ganzen und ich lasse das Ganze in mir existieren.

Nun öffne ich halb meine Augen und starre auf den nackten Baum vor meinem Fenster: 
Überbringe ihnen ein Zeichen meiner Anwesenheit. Lass den Kirschbaum ihre Schulter mit einem Ast streifen, eine rote Spur eines Kirschenkusses auf ihre Wange setzen, lass ihn die Leiter zwischen seine festen Wurzeln klemmen, dass sie nicht stürzen, lass ihn seine Äste herausragen, um ihre einsamen Ausflüge mit einem beruhigenden Schatten zu bedecken, lass ihn den energischen Gesang einer Amsel auf seine Äste tragen, um ihrem unbestimmten Warten einen Rhythmus zu verleihen. 

Eine Hitzewelle überkommt mich, ihre sofortige Antwort, eine Umarmung, un abbraccio.