Die blaue oder die rote Pille?

Ich denke wir befinden uns in einer Übergangsphase. Die anfängliche Panik (Ungläubigkeit, Panikkäufe, Bilder von der Zombie-Apokalypse) ist verflogen. Auch die unmittelbare Aufregung danach, als eine neue Ordnung (Kontaktsperre) etabliert wurde, scheint langsam vorbei zu sein. Zwar hört und liest man immer noch über nichts anderes als über die Corona-Krise, aber es hat sich bereits eine Art Routine etabliert.

Ich vergleiche das mit der Gewöhnung an einen anderen Ort in einer anderen Kultur, die man beispielsweise auf Reisen erleben kann. Die ersten Tage ist alles neu und aufregend. Die Sinne sind geschärft. Alles ist anders und verdient die eigene Aufmerksamkeit. Irgendwann flacht das ab; die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf andere Dinge.

Zu beobachten ist dieser Prozess auch an den Beiträgen dieses Blogs. Das dringende Bedürfnis das Neue zu Verarbeiten und die Lust am Entdecken haben nachgelassen. Es werden nicht mehr so viele Bilder gesammelt. Wozu auch? Die haben wir eh schon hundertmal gesehen. Wir nehmen sie immer weniger als etwas besonders war, längst sind sie Teil unserer Normalität geworden.

Diese „Gewöhnung“ hat aber noch eine andere Seite hat. Klar, einerseits gibt es die Anpassung an die Veränderten Umstände im Jetzt und hier, das: Ok, so ist es nun. Andererseits beobachte ich eine Erschöpfung, eine art Abstumpfung, einem Burnout nicht unähnlich. ACHTUNG! ACHTUNG! ACHTUNG! Irgendwann ist jeder Reiz zu viel, weil alles bedrohlich und somit zu einer Überforderung wird. daraus resultiert der verständliche Wunsch endlich wieder zu Ruhe zu kommen, endlich wieder zur alten Normalität zurück kehren zu können.

Irgendwo zwischen diesen zwei Polen befinden wir uns. Bei den meisten dürften beide Seiten gleichzeitig Vorhanden sein, also die Sehnsucht nach einer Rückkehr zur alten Ordnung und der Wunsch doch endlich in der gegenwärtigen, also neuen Ordnung anzukommen (anstatt andauernd dagegen ankämpfen zu müssen).

Auch ich erlebe das so. Und doch wünsche ich mir das der Ausnahmezustand noch eine Weile Anhält, weil ich mir wünsche mir, dass diese Krise einen nachhaltigen Eindruck bei mir und bei meinen Mitmenschen hinterlässt, und zwar nicht durch eine möglichst hohe Anzahl an Toten, sondern durch eine tiefgreifende neue Erfahrung von Realität. Eine Erfahrung die ein Infragestellen der eigenen, ideologischen Positionen ermöglicht. Themen wie soziale Gerechtigkeit, Wirtschafts- und Klimapolitik, (internationale) Solidarität und der Fetisch Lohnarbeit, können und sollten gesellschaftlich neu verhandelt werden. Ich glaube, dass, je schneller die Maschine wieder angeworfen wird, und alles wieder zum Alten zurückkehrt, desto geringer sind die Chancen, dass ein politischer Paradigmenwechsel stattfinden wird.