Carsamstag

Ich kenne das Gefühl eigentlich nur aus intensiven Arbeits- oder Prüfungsphasen. Das Gefühl wenn man nach mehreren Wochen das erste mal wieder raus kommt. Wenn man nach Wochen was anderes sieht als immer nur den eigenen Kiez.

Jeden morgen mache ich mit Freunden ein Check in. Wir erzählen uns wie der vorherige Tag war und an was wir am aktuellen Tag vor haben zu arbeiten. Beim letzten Check in hatten wir eine Sache die uns inzwischen alle nervte. Und zwar der enge Radius auf dem man sich seit dem Shutdown nur noch bewegt. Simon meinte als erstes: “Ich kann das Tempelhofer Feld nicht mehr sehen”. Wir alle stiegen sofort in das Thema ein. Maziar berichtete: “Meine Frau und ich sind gestern stundenlang mit dem Auto durch Berlin gefahren, weil wir endlich was anderes sehen mussten”. Ich erzählte sofort von meiner “Corona Runde”. Die von mir liebevoll genannte “Corona Runde” ist meine neue Joggingrunde, die normalerweise überhaupt keinen Sinn macht, da es nur Touristen gibt, aber die gibt es ja gerade nicht. Daher habe ich jetzt eine zweite Joggingrunde, die an der East Side Gallery, der Oberbaumbrücke und der Spree entlang geht.

Und heute dann dieses überwältigend schöne Gefühl, das ich schon fast vergessen hatte, dieses Gefühl wenn man nach langer Zeit seinen Radius endlich wieder erweitert. Aus dem Autofenster schauend genieße ich jede Kleinigkeit, wie eine Verdurstete: Bäume, Aldis, Baustellen, Häuser, Plakate, Kinder, Hunde, Baumärkte, selbst der Himmel sieht ausserhalb meines Kiezes auf einmal anders aus.