Phase 3 (Regression)

Ich glaube es kann helfen die Situation in der wir uns befinden als kollektiven Trauerprozess zu begreifen, nicht unähnlich zu einem sich in Trauer befindenden Individuum (das, beispielsweise, ein Bein Verloren hat, und sich in seiner Bewegung deutlich eingeschränkt fühlt). Auf Wikipedia kann man zu dem Thema u.a. das 4-Phasen-Modell nach Yorick Spiegel finden. Das passt, denke ich, ganz gut.

Schockphase (konfrontierende Phase)

erster Schock … Diese erste Phase ist recht kurz, sie hat eine Dauer von einigen Stunden bis zu wenigen Tagen. …. Für das Auslösen des Trauerprozesses und die Aufnahme des Trauerprozesses ist die Phase des Schocks sehr wichtig.

Panikkäufe etc.

Kontrollierte Phase

Kontrolle der eigenen Emotionen durch verschiedene Aktivitäten … Zudem breitet sich hinter der kontrollierten Fassade des Trauernden ein Gefühl der Leere aus, das die Welt zwar intellektuell und praktisch anerkennt, jedoch emotional gewissermaßen leugnet. – Diese Leugnung oder Verdrängung der Situation ist ein Abwehrmechanismus, der in vielen Fällen die Selbstkontrolle aufrechterhält

Freunde und bekannte Anrufen, zusammen Spaziergänge machen, Blogs gründen, Joggen gehen, Heimwerkern, etc.

Phase der Regression

Weitgehender Rückzug vom „normalen Leben“, Auseinandersetzung mit der Trauer. In dieser Phase ist der Trauernde ganz auf sich zurückgeworfen. Die hilfreichen Aktivitäten der Umwelt haben aufgehört, und im schrittweisen Begreifen seiner Situation wird er mit dem völligen Zusammenbruch der gemeinsamen Daseinswelt mit dem Verstorbenen konfrontiert. Er reagiert darauf zum einen mit stark erhöhter Emotionalität und auch mit Aggressivität. Zum anderen zieht er sich sehr zurück und überlässt sich nach Aufgabe eines Teils der zuvor mühsam aufrechterhaltenen Selbstkontrolle mehr oder weniger der Hilflosigkeit.

Hier sind “wir” nun seit über einer Woche (s. auch hier).

Phase der Anpassung

langsame Rückkehr ins Leben. Die Trauerbewältigung läuft in dieser Phase keineswegs kontinuierlich ab: Kurzzeitige Rückschritte in vorherige Stadien des Trauerprozesses sind möglich. Dabei kann die ganze Schwere der Trauer wieder da sein, doch klingen die Abschnitte meist schneller ab.

Damit ist die Rückkehr ins Leben im hier und jetzt, also im Lockdown, gemeint. ob wir kollektiv dahin kommen werden, wage ich zu bezweifeln. Dafür ist ein Ende des Lockdowns und eine Stufenweise Rückkehr ins “alte” Leben zu greifbar.

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Natürlich handelt es sich hier nur ein Modell. Aber, wie bereits eingangs erwähnt, finde ich es recht passend, um das, was ich gerade so um mich herum erlebe, zu beschreiben.

Auch auf mich trifft das Modell für den Lockdown zu. Allerdings wird dieser Trauerprozess überlagert von der Elternzeit, in der ich mich – z.Zt. noch in Teilzeit – befinde (und die man analog dazu auch als eine Art Trauerprozess beschrieben könnte). Im Vergleich dazu stellt die Kontaktsperre einen doch relativ geringen Einschnitt in mein praktisches Leben dar.