Ein Kojote überwindet die Schwerkraft

Hamsterkäufe, Homeoffice, Kurzarbeit, Lockdown und Systemrelevanz wurden – zumindest vorübergehend – zu geflügelten Worten. Schulen und Kindergärten liefen erst gar nicht mehr, nun wieder im Sparbetrieb. Kultur findet fast nur noch im Netz statt, und Netflix hat die Streamingqualität gedrosselt um die Kapazitäten des Internets nicht noch weiter auszubremsen. Menschen tragen Mundschutz-Masken wenn sie Supermärkte und Straßenbahnen betreten. Seit kurzem sind die Spielplätze wieder geöffnet und es darf sich wieder mit einem Haushalt der Wahl getroffen werden.

Wo befinden wir uns gerade im Covid-19-Pandemie-Verlauf? Und wer ist eigentlich dieses „wir“, dass für einige Wochen lang wie selbstverständlich allen Menschen und Medien Deutschlands in aller Munde zu liegen schien?

Ich selbst habe ja schon mehrfach versucht „unsere“ Position im nationalen Pandemie-Verlauf zu bestimmen. Das geschah zu einer Zeit, in der ich das Gefühl hatte, dass sich gerade etwas Grundlegendes verändert hatte – das war, als die erste Panik und Euphorie verflogen waren.

Dabei habe ich meinem Wunsch Ausdruck verliehen, alles solle nicht einfach zum Alten zurückkehren. Ich wünschte mir, “wir” würden das utopische Potential nutzen, was diese Krise in sich trägt.

Anfangs schienen die Kräfte, die normalerweise wirken, außer Kraft gesetzt. Alle Menschen standen, wie ich selbst auch, irgendwie unter Schock. Und plötzlich schien durch den Stillstand alles in Bewegung: wenn es wegen Corona möglich ist, quasi per Dekret, Flüge, Verkehr, Konsum so stark einzuschränken, warum sollte ähnliches nicht für den Schutz des Klimas möglich sein? Oder um den Auto-Verkehr in den Innenstädten zu reduzieren? Oder um soziale Ungleichheit zu verringern? Oder, oder, oder…

Armin Nassehi erklärt in seinem Essay in der Zeit, warum die gewohnten Kräfte sehr bald wieder wirkten, dass sie eigentlich nie wirklich abgestellt waren. Wir haben nie aufgehört Eltern zu sein, Kinder von Eltern, Lehrerinnen, Selbstständige, Künstlerinnen, Restaurant Betreiber, Arbeitnehmer, FDP-Mitglieder, Arbeitgeber, Autofahrer, Fußball-Fans, Theater-Gänger, Fahrradfahrerinnen, Alleinerziehende, Alkoholabhängige, etc. Die Verschiedenen – teils widersprüchlichen – Interessen die in unserer Gesellschaft, und in jeder/jedem einzelnen von uns, vorhanden sind, sind konstitutiver Teil einer modernen, pluralistischen Demokratie.

Das verstehe ich, verstand es – eigentlich – die ganze Zeit. Und trotzdem wünsche ich mir immer noch gesellschaftliche Veränderungen! (klar, nicht in allen Bereichen, und sicher nicht um jeden Preis). Ob sie irgendwann kommen? Wer weiß.

Was ich weiß ist, dass mein Wunsch nach Veränderung, meiner eigenen, grundlegenden Unzufriedenheit entspringt: Ich möchte ein anderes In-der-Welt-sein erleben, in dem ich mich allgemein angstfrei(er) fühle. Das ist etwas, was deutlich mehr mit meiner eigenen Perspektive auf die Dinge zu tun hat, als mit den Dingen selbst.

Dieser Blog, der Podcast mit Olaf und der YouTube-Charakter Dr. Dreg, sind alles auch Strategien, meine eigene Realität zu verändern. Stichwort: Self-Empowerment. Tatsächlich habe ich bei der Arbeit an diesem Blog gleich mehrfach meine Komfortzone verlassen, und die befreiende Wirkung genossen, die dieser Prozess des Loslassens hat. Wen interessierts was die Nachbarn sagen?

Happy End.

Doch bei aller Euphorie schwingt bei mir immer auch ein Misstrauen mit: Ist diese neu erfahrene Freiheit an den Ausnahmezustand gekoppelt? Werde ich sie verlieren, wenn alles wieder zum Altbekannten zurückgekehrt ist?

Mir fällt dazu das Bild des Kojoten in den Road Runner Cartoons ein, der, den Vogel jagend, in dem Moment in die Tiefe stürzt, wenn er realisiert dass er gerade durch die Luft gelaufen ist und ja eigentlich die Schwerkraft wirken müsste.

Die Normalität war längst zurück gekehrt und ich bin – sie ignorierend, so wie der Kojote den Rand der Klippe übersieht – einfach weitergerannt; ich habe geblogt, gepodcastet und einen YouTube-Kanal eröffnet. Nicht merkend, dass die anfängliche Ausnahmesituation längst vorbei war, dass ich ja eigentlich schon eine ganze Weile durch die dünne Luft der Normalität renne…

Doch der Absturz fällt dieses Mal aus. Der Kojote läuft einfach weiter. Den Vogel hat er längst vergessen. Der Kojote ist von seinem aufgekratzten Sprint in einen entspannten Laufschritt übergegangen. Auch sein Puls beruhigt sich langsam, und seine Atmung passt sich an. Das ist gut. Vor sich sieht er eine weite Strecke. Er versteht, dass er für die einen langen Atem braucht.