Aller Anfang ist schwer

Platon: Ich schaff das nicht mehr.

Sokrates: Sei doch nicht immer so negativ!

Platon: Ich schaff das nicht mehr.

Sokrates: Ach komm…

Platon: ICH SCHAFF DAS NICHT MEHR.

Sokrates: Um was geht’s eigentlich?

Platon: Dass ich immer wieder alles verkacke.

Sokrates: Du übertreibst.

Platon: Das sagt Du doch nur so.

Sokrates: Stimmt.

Platon: Was?

Sokrates: Eigentlich habe ich keine Ahnung. Aber eins weiß ich: Niemand verkackt immer alles.

Platon: Das stimmt doch nicht.

Sokrates: Nenn mir eine Person die immer alles verkackt hat.

Platon: Ich.

Sokrates: Du hast doch schon vieles geschafft.

Platon: Was denn? Aufstehen? Die Hose richtig herum anziehen? Ein Fuß vor den anderen setzten ohn zu stolpern? Nicht sabbern und in der Nase bohren?

Sokrates: Zum Beispiel

Platon: Hab ich auch alles schon mal verkackt.

Sokrates: Aber meistens nicht.

Platon: Woher willst Du das wissen?

Sokrates: Ok, aber nicht immer, oder?

Platon: Nein, nicht immer.

Sokrates: Na also.

Platon: Und das soll Mich jetzt trösten, oder was?

Sokrates: warum denn nicht?

Platon: Weil das alles total selbstverständliche Dinge sind.

Sokrates: Für dich vielleicht.

Platon: Für die meisten anderen Menschen auch.

Sokrates: Wieso vergleichst Du Dich mit den „meisten anderen Menschen“?

Platon: Mit wem soll ich mich denn sonst vergleichen?

Sokrates: Mit niemanden.

Platon: Mit niemanden.

(pause)

Sokrates: Und warum? Damit ich mich nicht so scheiße fühle, oder was?

Sokrates: Zum Beispiel.

Platon: Das ist doch Selbstbetrug.

Sokrates: Warum?

Platon: Eigentlich bin ich der totale Looser, das letzte Häuflein Dreck. Aber ich… (pause)

Sokrates: (unterbricht)…Ja?

Platon: Ich bin… (pause)

Sokrates: (unterbricht) … Du bist?

Platon: Warum versuchst Du chim eigentlich so verkrampft aufzuheitern?

Sokrates: Versuch ich doch gar nicht.

Platon: Doch, versuchst Du.

Sokrates: ich versuche nicht Dich aufzuheitern. Ich versteh nur nicht, wie Du so viel Spaß daran hast zu leiden.

Platon: Ich? Spaß? Zu leiden?

Sokrates: Genau.

Platon: Schwachsinn.

Sokrates: Wieso Schwachsinn?

Platon: Weil ich Leide. Wenn ich Spaß hätte würde ich doch nicht leiden. Dann hätte ich Spaß.

Sokrates: Du würdest also Dein Leid wegtauschen, wenn Du könntest?

Platon: Wieso wegtauschen? Gegen was denn?

Sokrates: Na gegen Spaß zum Beispiel

Platon: Sofort.

Sokrates: Und was würdest Du dafür bereit sein zu tun?

Platon: Was meinst Du?

Sokrates: Wenn Du wirklich so versessen darauf bist nicht mehr zu leiden, müsstest Du doch bereit sein, etwas dafür zu tun.

Platon: Ja, klar.

Sokrates: Aber wenn du gefragt wirst, dich nicht mehr mit anbderen zu vergleichen, um weniger zu leiden und mehr Spaß zu haben, dann ist dir das zu viel?

Platon: Was? Das ist doch etwas komplett Anderes.

Sokrates: Warum?

Platon: Ich weiss halt, dass etwas so ist wie es ist. Und dann soll ich versuchen mir selbst einzureden, dass es nicht so ist wie es ist und dass ja alles nicht so schlimm ist?

Sokrates: Ja.

Platon: Das ist Selbstbetrug. Du verlangst von mir dass ich mich selbst betrüge?

Sokrates: ich verlange gar nichts.

Platon: Ok, aber du sagst wenn ich nicht zum Selbstbetrug bereit bin, dann will ich Leiden?

Sokrates: Ja, fast. Nur würde ich nicht das Wort „Selbstbetrug“ dafür wählen.

Platon: Und warum nicht?

Sokrates: Weil es nicht gut ankommt.

Platon: „Nicht gut ankommt?“ Bei wem den?

Sokrates: Bei Dir.

Platon: Ich soll das Wort „Selbstbetrug“ nicht benutzen, weil ich mich sonst weigere mich selbst zu betrügen?

Sokrates: Ja, so in etwa kommts hin.

(Pause)

Platon: Ich bin sprachlos.

Sokrates: Offensichtlich nicht.

Platon: Was soll ich denn anstelle von „Selbstbetrug“ sagen, um zu beschreiben dass ich mir gegen mein besseres Wissen etwas einrede, was nicht wahr ist? „Positive thinking?“

(Pause)

Sokrates: Ok, was wäre wenn dieses „Selbst“, dass du anscheinned Angst hast zu betrügen, dich die ganze Zeit schon betrügt?

Platon: Wie macht es das?

Sokrates: In dem es dir falsche Dinge suggeriert.

Platon: Zum Beispiel?

Sokrates: Zum Beispiel: dass du der größte Looser überhaupt bist und immer alles verkackst.

Platon: Aber das stimmt doch.

Sokrates: Was wäre wenn es nicht stimmt? Was wenn dir dieses Selbst einredet das es so ist und Du es deshalb für die Wahrheit hälst.

Platon: Aber wer ist dieses selbst, wenn nicht ich?

Sokrates: Das ist eine gute Frage.

Platon: Ja, genau. Und ich Frage Dich. Nochmal: Wer ist dieses Selbst?

Sokrates: das musst Du schon *selbst* herausfinden.

 (pause)

Platon: (flüstert) Mind fuck.

Sokrates: Was?

Platon: Mind fuck. Das ist der totale Mind Fuck.

Sokrates: Sagt wer?

Platon: Sage ich.

Sokrates: um was zu erreichen?

Platon: Um nicht verrückt zu werden.

Sokrates: Um verrückt zu bleiben.

Platon: Du glaubst ich bin verrückt?

Sokrates: Glaubst Du das?

Platon: Nein.

Sokrates: Bist Du sicher?

Platon: ja.

Sokrates: Wie kannst Du so sicher sein?

Platon: Bin ich halt. Was spricht dagegen?

Sokrates: Immerhin glaubst Du dass Du immer alles verkackst.

Platon: Ja und?

Sokrates: Du glaubst daran, dass dir nichts gelingt und du komplett versagt hast.

Platon: genau.

Sokrates: Also fassen wir zusammen: Du bist der größte Versager ever. Und diagnostizierst Dich selbst als “nicht verrückt”. Wieso glaubst Du gerade in diesem einen Punkt, bei deiner Selbstdiagnose, nicht zu versagen? Wenn du wirklich dieser komplett-Versager bist, müsstest Du dann nicht auch an Deiner Selbst-Diagnose versagen?

(Pause)

Platon: Da ist was dran.

(Pause)

Platon: Und jetzt?

Sokrates: Und jetzt was?

Platon: Du hast mich davon überzeugt, dass ich vielleicht verrückt bin. Was soll ich jetzt damit anfangen?

Sokrates: Fühlst Du dich besser oder schlechter als davor?

Platon: Ich … weiss es nicht.

Sokrates: Das ist dein Anfang.