ash_aes, Deso Dogg und ich

In letzter Zeit gehe ich immer mal wieder auf das Twitter-Konto eines ehemaligen Kommilitonen mit dem ich vor gut einem Jahrzehnt eher flüchtig zu tun hatte. Dort steht in der Selbstbeschreibung: „film+photo+text maker, freelance author, born again Bible believer, blockchain investor“. Vielleicht würde noch Querdenker dazu passen. Aber wahrscheinlich nicht. Sonst würde es wohl dort stehen.

Meine Besuche auf diesem Twitter Konto haben etwas perverses. Die Weltsicht die hinter seinen Tweets, Re-Tweets und seiner Selbstbeschreibung steckt, ist mir sehr fremd. Regelmäßig fühle ich mich von dieser Lektüre provoziert, ja geradezu angegriffen. Ansonsten nehme ich Twitter eigentlich gar nicht zur Kenntnis. Warum tue ich mir also gerade das an?

Als ich diesen ehemaligen Mitstudenten damals kennenlernte, zu Beginn meines Filmstudiums, da war er Anfang 20 und hatte gerade einen internationalen Freiwilligendienst in einer sozialen Einrichtung in Osteuropa hinter sich. Er war voller Ambitionen aber auch voller Selbstzweifel, die er, anders als viele andere unserer Mitstudierenden nicht zu verstecken suchte. Das machte ihn verletzlich und irgendwie auch sympathisch. Er schien vollgestopft mit Gefühlen und gleichzeitig auch er ziemlich verkopft zu sein.

Einige Jahre später erfuhr ich, dass er zu dem Propaganda-Sender Russia Today gegangen war. Da ist er nun nicht mehr. Ob das was mit seinem Neugefunden Glauben (Wiedergeborener Christ und Jesusanhänger) zu tun hat weiß ich nicht.

So wie ich eigentlich gar nichts wirklich von ihm weiß. Alles was ich habe, sind meine undeutlichen Erinnerungen von damals, und eben diesen recht befremdlichen, und scheinbar widersprüchlichen Eckdaten seiner Biografie. Es geht etwas Radikales von ihm aus. Das war vielleicht auch schon damals so. Vielleicht hatte er nur noch nicht die passenden Container gefunden, in die er seine Identität schütten konnte. Der Film bzw. der künstlerische Film schienen dafür nicht ausreichend Platz zu bieten.

Ihn zu kontaktieren traue ich mich nicht. Was erhoffte ich zu erfahren von jemanden, der auf Twitter permanent damit beschäftigt ist sich von allen Andersdenkenden abzugrenzen?

Was also möchte ich mit meinen unregelmäßigen, Stalker-haften Stippvisiten seines Accounts erreichen?

Wenige Jahre bevor ich ihn kennen lernte, also noch bevor ich mein Drehbuch-Studium aufgenommen hatte, hatte ich eine andere Begegnung, an die ich nun denken muss. Ein guter Freund der in Kreuzberg wohnte brachte mich mit einer Gruppe junger X-Berger Eingeborener mit Migrationshintergrund zusammen. Sie suchten jemanden, der ein Drehbuch für sie schreiben sollte. Sie hatten Kameras und warteten nur auf eine Gelegenheit sie zu benutzen. Als arbeits- und auftragsloser Drehbuch Aspirant schien es mir den Versuch wert, sie kennen zu lernen. Vor dem Spätkauf, den die Familie des einen betrieb, saßen wir auf Bierbänken und quatschen. D.h. sie erzählten von ihren Ideen und Wünschen, ich nickte und versuchte hoch konzentriert zu verstehen was ihnen Vorschwebte. Ich sollte ihre wagen Visionen von einem coolen film konkretisieren und zum leben erwecken. Kein leichtes Unterfangen für jemanden, der keinerlei Ahnung davon hatte wer er ist und was er selbst zu erzählen hat.

Dann kam er vorbei. Ein eindrucksvoller Typ. Er setzte sich dazu und begann sofort an zu reden. Er war ein in der Szene bekannter Rapper, der nach eigenen Angaben kurz vor seinem Absprung nach Amerika stand. Für uns hatte er aber noch eine Reihe von Figuren-Ideen, die er ohne einmal Luft zuholen runterratterte. Er wirkte irgendwie müde und wie auf Koks. Seine Produktivität, sein Auftreten und das Tempo mit der er Ideen ausspuckte, beeindruckte mich nachhaltig. Ich neigte (und neige wohl immer noch) eher zum Grübeln. Das Buch kam nie zustande.

Wenige Zeit später sah ich ihn auf YouTube wieder. Anstatt zu rappen, predigte er nun den Islam. Auf einem Video in Kreuzberg versuchen ihn mehrere Polizisten festzunehmen. Doch sein selbstbewusstes Auftreten und seine eindrucksvolle Körperlichkeit beeindrucken auch sie schwer. Er zog aus Berlin weg. Erst nach Münster und dann nach Syrien in den Krieg. Dort war er noch in einigen Propaganda Videos zu sehen.

Auch diese, in der Realität sehr flüchtige Begegnung übte über einen längeren Zeitraum eine starke Anziehung auf mich aus. Dank YouTube und Internet-News konnte ich seinen Werdegang bequem aus der Ferne mitverfolgen.

Schließlich wurde er für tot erklärt. Mehrere Male. So endet diese Geschichte, auch auf Wikipedia.

Mit etwas Abstand ist dies eine typische, fast schon banale Radikalisierungs-Geschichte. Typ mit geringen aufstiegschancen und narzisstischer Neigung versucht sein Geltungsdrang im Deutschrap zu befriedigen. Der erhoffte Erfolg bleibt aus. Der Sprung über den Teich auch. Also findet er den Islam und wird fast zeitgleich zum Prediger, findet Zuspruch, radikalisiert sich weiter und stirbt.

Ich weiß noch immer nicht genau, warum ich mich von diesen beiden Biografien so angezogen fühle. Aber nun, da ich darüber nachdenke, glaube ich, dass dies etwas mit meinem Gemütszustand zu tun hat. Vielleicht suche ich nach einen Ausweg aus der depressiven Stagnation, in der ich mich gerade anscheinend befinde? Irgendetwas in ihrem „Kampf“ erkenne ich wohl in mir wieder.

Nein, ich habe keine Angst mir ebenso reduzierte Ideologien zu basteln wie sie. Der Zug scheint abgefahren. Vielleicht fehlt mir dafür einfach die Begabung. Ein Indikator für die Bedeutung, die ich ihnen in meinem eigenen Leben einräume, ist der Platz, den sie in meinen Geschichten einnehmen. Dort eigenen sie sich nicht zu Protagonisten. Eher zu tragisch-komischen Randfiguren. Keine Witzfiguren. Aber doch mit wenig Tiefe und eher randständig.

Nichtsdestotrotz haben sie einen Platz in meinem Kosmos, und ich hoffe sehr, wir alle kriegen irgendwie noch die Kurve.