Black Boys on Mopeds

Heute, als ich auf meinem Fahrrad fuhr, erinnerte mich plötzlich an ein Lied. Es muss schon viele Jahre her gewesen sein, dass ich das letzte Mal daran gedacht hatte. Plötzlich war es wieder da! Dieses Lied, dass ich selbst mal gespielt habe, und an dessen Text ich immer noch auswendig konnte. Es stammt aus den 80er Jahren. Der Text geht wie folgt:

Margaret Thatcher on TV
Shocked by the deaths that took place in Beijing
It seems strange that she should be offended
The same orders are given by her
I’ve said this before now
You said I was childish and you’ll say it now
Remember what I told you
If they hated me they will hate you

England’s not the mythical land of Madame George and roses
It’s the home of police who kill black boys on mopeds
And I love my boy and that’s why I’m leaving
I don’t want him to be aware that there’s
Any such thing as grieving

Young mother down at Smithfield
5 a.m., looking for food for her kids
In her arms she holds three cold babies
And the first word that they learned was please
These are dangerous days
To say what you feel is to dig your own grave
Remember what I told you
If you were of the world they would love you

England’s not the mythical land of Madame George and roses
It’s the home of police who kill blacks boys on mopeds
And I love my boy and that’s why I’m leaving
I don’t want him to be aware that there’s
Any such thing as grieving

Es war in Indien, als ich Black Boys on Mopeds das erste Mal gehört hatte. Ich bereiste das Land, wie man so schön sagt. Eigentlich befand mich dort auf einer Art Irrfahrt, einer Odyssee, ohne Ziel. Planlos. Verloren. Einsam. Ich hatte meine Gitarre dabei. Irgendwo auf einem Hostel Dach in Gujarat traf ich Sarah. Sie konnte etwas Gitarre Spielen und sehr gut Singen. Ich mochte das Lied, dass sie mir vorspielte. Sie sang es gleich mehrere male für mich, und schrieb mir den Text auf. Auf meiner weiteren Reise übte ich das Lied.

Warum war ich nach Indien gefahren? Soweit ich mich erinnere, wollte ich mich selbst zwingen, mich raus aus meiner Komfort-Zone bewegen. Doch kaum war ich dort angekommen, völlig übernächtigt, am Flughafen in Mumbai, ohne einen Plan, umzingelt von aggressiven Werbern für Taxis und Hotelzimmer, verließ mich mein Mut. Ich war eingeschüchtert. Hatte keinen Plan B. Und keinen Plan A.

Es war in den späten 90ern. Die meisten Menschen die ich kannte hatten noch keine Email Adresse. Während dieser Reise legte ich mir extra eine zu. Und so tingelte ich von Internet Cafe zu Internet Cafe. Zum einen, um etwas persönlicheren Kontakt zu meiner Heimat, besonders zu meiner damaligen Freundin zu haben, die in Berlin geblieben war. Zum anderen wohl auch, um überhaupt ein Ziel zu haben, an den Orten, an denen ich strandete.

Mein Held damals war Jack Karouac, On the Road mein Kompass. Das funktionierte in Mitteleuropa der 90er irgendwie noch ganz ok. Aber in Indien?

Karouac verarbeitete seine Reiserfahrungen in seiner Literatur. Es war eben dieses spontane, prekäre Reisen, was ich durch On the Road kennen lernte, und was mich zu eigenen Trips inspirierte. Mit zunehmendem Alter wirkten Karuacs Versuche sich noch einmal auf den Weg zu machen um die alten Geister noch einmal auf die gleiche Art zu beschwören, immer hilfloser und frustrierter. In seinem Roman The Dharma Bums beispielsweise, nimmt der Protgonist einen Sommerjob auf einem Berggipfel an, auf den er dann mehrere Monate ganz allein verbringt. Er soll Ausschau nach Waldbränden halten. Einsam. Zweifelnd. Depressiv. Am Ende bleibt es eine sehr zähe Leseerfahrung. Harte Arbeit. Wofür?

Meine Gitarre war nur ein Halbnützliches Reise-Utensil. Was wollte ich damit? In Deutschland, als ich getrampt war, und in öffentlichen Parks schlief, hatte ich damit noch auf der Straße gespielt: In Bielefeld, in Göttingen, in Kassel zur Dokumenta X, in Stuttgart. Irgendwann hatte ich dann keine Lust mehr gehabt. Es war anstrengend. Fast kein Publikum. Und Geld gabs auch kaum. Mit einer Akkustischen Gitarre in einer westdeutschen Fußgängerzone stehen, und Cover-Versionen von Pop- und Rocksongs spielen. Kann man machen. muss man nicht. Ich hätte an meiner Präsentation feilen müssen. Mehr mit den Menschen in Kontakt treten. Mir einen Unique selling Point suchen, irgendeine Masche halt, um die Menschen für meine Performance zu gewinnen. Das alles interessierte mich damals nicht. Zumindest redete ich mir das ein. Also ließ ich es fortan bleiben, und benutze die Gitarre auf meinem weiteren Trip vor allem um mich selbst zu unterhalten. Und um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Das klappte eigentlich ganz gut.

Das klappte auch in Indien. Allerdings war es sowieso nicht schwer mit anderen Backpackern in Kontakt zu kommen. Das scheint überhaupt der Kern dieser Art des Reisens zu sein: In Hostels gehen, dort auf Gleichgesinnte treffen, sich darüber austauschen, wo man schon war und was man gesehen hat und was man dort noch unbedingt probieren muss. Das waren fast immer die gleichen Infos, die man seinem Reiseführer, vorzugsweise dem Lonely Planet, entnehmen konnte. Nein, ich hatte keinen Lonely Planet, sondern mich bewußt für einen anderen Reiseführer entschieden. Das machte aber keinerlei Unteschied, da ich auch so überall dort landete wie alle anderen auch. Und irgendwie war ich sogar froh darüber, da ich so zumindest etwas Gesellschaft in meinem Lost-sein hatte.

Jedenfalls traf ich in einem dieser Hostels, auf einer Dachterasse, Sarah aus Kanada, die sehr schön singen konnte. Ich kam mit ihr ins Gespräch. Sie erzählte davon, dass die meisten ihrer Freunde irgendwas studiert hatten, danach aber trotzdem arbeitslos waren. Sie selbst hat sich dann lieber gleich fürs Jobben und Reisen entschieden. Sie war mit Shahar und Yael, einem Israelischen Pärchen, unterwegs. Und sie brachte mir dieses Lied bei, dessen Akkorde und Text, sie in mein grünes DIN A5 Heft schrieb. Das war mein persönliches Songbook was auch als Tagebuch fungierte (oder umgekehrt?).

Nun konnte ich weder so singen wie Sarah, noch wie Sinead O’Conner, von der das Lied ursprünglich stammt. Und trotzdem versuchte ich mich daran. Ich versuchte es wirklich! Doch egal wie sehr ich mich mühte: es klang immer wie eine schlechte Kopie von Sarahs Version.

Sarah, Yael und Shahar traf ich dann etwa 2 Monate später noch wieder, in Hampi, einem heiligen, touristisch völlig überlaufendem Ort, der in einem völlig anderen Teil Indiens liegt. Ich freute mich über den Zufall, den dreien nach so langer Zeit wieder zu begegnen. Wir tauschten dann unsere Emailadressen aus. Die stehen meinem grünen Heft. Das besitze ich immer noch, irgendwo, in einem Karton.